Lediglich der Nil überragt ihn um gerade mal 400 Kilometer. Gut sechseinhalbtausend Kilometer schlängelt sich der Fluss durchs nördliche Südamerika. Sein Einzugsgebiet ist wegen der vielen Nebenflüsse weit größer als das des längsten Stroms der Erde. Und vielleicht ist auch sein Name etwas magischer: Amazonas.
Sicherlich kein Ort für einen Erholungsurlaub: Amazonas bedeutet Abenteuer, Hitze und unglaubliche Luftfeuchtigkeit. Das ganz gepaart mit einem artenteneichen Regenwald. Meine Entdeckungsreise zu diesem Sehnsuchtsort begann im südkolumbianischen Leticia.
Schon der zweistündige Flug von Bogota lässt einen erahnen, was wohl die frühen Konquistadoren für Strapazen auszuhalten hatten. Regenwald so weit das Auge blicken kann. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie sich in etwa Männer wie Pizarro und Cortez gefühlt haben müssen, als sie im 15. und 16. Jahrhundert die fast unberührte Wildnis auf der Suche nach El Dorado durchstreiften. Dieses Gefühl verstärkt sich augenblicklich, wenn man in Leticia aus dem Flugzeug steigt. Fast 85 Prozent Luftfeuchtigkeit, bei knapp 30 Grad im Dezember.
Der Hafen von Leticia ist Ausgangspunkt für die Amazonastour
Kolumbien, Brasilien und Peru bilden ein Dreieck
In Leticia kann man sich entscheiden, welches Land man für eine Amazonastour nutzen möchte: Kolumbien, Brasilien und Peru bilden hier ein Dreieck. Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich Kolumbien in einem Krieg mit Peru diesen Zipfel und damit den Zugang zum Amazonas gesichert. Verschiedene Anbieter bieten Touren in die Region an. Bei unserer Fahrt in Richtung Puerto Narino wird deutlich, dass der Fluss so etwas wie die Hauptschlagader der Region ist. Schnellboote der „Lineas Amazonas“ – so etwas wie die S-Bahn der Gegend – sind allgegenwärtig. Etliche kleine Langboote surren beladen zu den abgelegenen Siedlungen, Fischer gehen ihrem Tagwerk nach. Immerhin zählt der Amazonas zu den artenreichsten Flüssen der Welt. Links Peru, rechts Kolumbien: Wir erreichen nach gut zwei Stunden den zweitgrößten Ort des kolumbianischen Amazonas. Immerhin gibt es hier so etwas wie ein Hotel. Nach europäischen Maßstäben hätte es jedoch nicht mal einen Stern verdient. Aber es ist sauber und es steht zum Verkauf. Vielleicht eine gute Idee für abenteuerlustige Auswanderer. Touristisch hätte man da allerdings noch einiges zu tun. Nichts ist da, was man nach europäischen Maßstäben touristische Infrastruktur nennt. Dabei wäre doch vielleicht gerade das etwas, was den Einwohnern ein Einkommen und dem Land mehr Touristen bringen könnte.
Freizeitvergnügen am Amacayacu River.
Der Ort ist nur per Boot erreichbar
Der Ort ist, wie alle in der Region, nur per Boot erreichbar. Blickt man von einem hölzernen Aussichtsturm, sieht man in alle Richtungen nur Grün. Fischfang ist die Hauptarbeit der Einwohner. Nach unserer Rückkehr von einem Ausflug zu einem kleinen See, bei dem wir das morgendliche Erwachen der Vögel beobachteten, hat man das Gefühle, das alle Einwohner von Puerto Narino am Ufer stehen. Frischer Fisch wird hier gehandelt, Obst, Maismehl, Reis. Viel mehr gibt die Speisekarte nicht her. Doch immerhin gibt es eine kleine Bar im Ort und damit noch so etwas, wie den Anschein von Zivilisation.
Nicht mehr als eine Bretterbude im Dschungel: Das Boutique Hotel Casa Gregorio.
Das ändert sich bei der Weiterfahrt zum Amacayacu River. Dort fühlt man sich endgültig im Dschungel angekommen. Kaum ein Boot begegnet uns noch. Nur hier und da sieht man noch einen einsamen Fischer in seinem Einbaum. San Maatin ist eine winzige Siedlung der Ureinwohner. Eine Holländerin betreibt hier seit gut zehn Jahren die „Casa Gregori“, ein Boutiquehotel & Restaurante. Hört sich nicht schlecht an, sind aber lediglich ein paar zusammen gehämmerte Bretterbauten. Das Duschwasser kommt aus Regenwassersammelbehältern, Strom gibt es stundenweise von einem Generator, das Handy ist ohne Empfang: Willkommen am Amazonas.
Da es immer wieder mal regnet, sollte man bei seiner Reise dringend an ein Regencape und an Gummistiefel denken. Bei Wanderungen durch den Wald kann man schnell mal Knöcheltief im Schlamm versinken. Besonders wenn man so einen Reiseführer wie ich hatte, der meint, bei den Ausflügen an die Grenzen gehen zu müssen. Wie zum Beispiel bei einer Nachtwanderung durch den finsteren Regenwald mit den abenteuerlichsten Geräuschen. Wenn dann noch bei der Rückfahrt auf dem Amacayacu nach wenigen Minuten das Benzin vom Boot leer ist, ist das Abenteuer komplett. Immerhin war ein Paddel an Bord, das uns gerettet hat. Ein Paradebeispiel für die touristische Unbedarftheit der Einheimischen: fast drei Stunden auf einem schmalen dunklen Fluss, die abendliche Kühle und Feuchtigkeit, ringsherum das Konzert des Regenwaldes und überall blinkende Glühwürmchen. Mir wurde dort besonders deutlich, dass der Regenwald vor allem ein gigantisches Hörspiel ist. Die meisten Tiere sind Fluchttiere und so erlebt man kaum mehr als ihre Geräusche. Nun ja, wir haben es überlebt. Leider hat sich auch die versprochene Artenvielfalt versteckt. Dies änderte sich im „Reserva Natural Marasha“, der auf peruanischem Gebiet liegt.
Papageien krächzen ein lautes Olá.
Etwa drei Kilometer vom Ufer des Amazonas entfernt, liegt an einem See die Hauptanlage des Parks. Auch hier gibt es Strom nur stundenweise und das Telefon bleibt ebenfalls stumm. Aber hunderte Vögel in den Wipfeln der Bäume sorgen für ein beeindruckendes Begrüßungskonzert: Papageien krächzen ein lautes Olá. Am Abend gesellte sich noch eine gutmütige Familie Chiguiros (Wasserschweine) hinzu.
Am Abend lassen sich auf dem See im Marasha Park Kaimane beobachten – und fangen.
In der Dämmerung und in der Nacht ist eine Fahrt über den See besonders beeindruckend, ja fast magisch. Ein Teil der Bewohner geht zur Ruhe, andere erwachen. So kann man in dieser Zeit über der spiegelglatten Wasseroberfläche die leuchtenden Augen von Kaimanen entdecken. Mit viel Glück sieht man sogar eine Anakonda. Tagsüber werden Wanderungen und Angeltouren angeboten oder man paddelt einfach durch schmale mangrovengesäumte Kanäle. Wobei man tunlichst nicht kentern sollte, denn unter dem Kanu schwimmen Piranhas. Sie stehen übrigens in dieser Region hin und wieder auf der Speisekarte. Oder besser gesagt kommen auf den Tisch. Es gibt Reis und Fisch, dazu Fruchtsäfte, Kaffee und Wasser – mehr gibt die Speisekarte allerdings nicht her. Auch Gewürze jedweder Art sind leider nicht vorhanden.
Nach fast einer Woche im Urwald war ich dann wirklich froh wieder in Leticia zu sein. Auch wenn der Ort nur sehr klein ist, versprach er wenigstens Zivilisation und vor allem einen kalten Drink. Man muss sich auf eine Reise am Amazonas einlassen. Dann wird es ein unvergleichliches Abenteuer.

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Hinweis: Der Autor wurde von Proexport Colombia zu dieser Reise eingeladen.
