Stellt Euch vor, ihr besucht China, werdet verhaftet, auf engstem Raum mit zehn anderen Inhaftierten ohne Anklage in Untersuchungshaft gesteckt und müsst dort vier Monate unter menschenverachtenden Zuständen überleben. In dieser Situation befand sich Nils Jennrich, ein 32-jähriger Mann auch Fockbek (in der Nähe von Kiel), der wegen Schmuggel und Steuerhinterziehung von den chinesischen Behörden festgenommen worden ist. Inzwischen konnte Nils die U-Haft verlassen, darf aber nicht aus Peking oder China ausreisen und wartet darauf, wann oder ob überhaupt Anklage erhoben wird.
Rückblick 29. März 2012: Nils Jennrich leitet in Peking eine Kunstspedition. Der 32-Jährige bekommt Besuch von chinesischen Zollbeamten, die alle Räume durchsuchen, Waren und Computer beschlagnahmen und ihn und sein chinesische Kollegin festnehmen. Der Vorwurf: Den Wert der Gemälde beim Import zu niedrig angesetzt zu haben, um so den eigentlichen Besitzern einen deutlichen Vorteil zu verschaffen. Es geht um zehn Millionen Renminbi, umgerechnet etwa 1,3 Millionen Euro. In China geht man dafür zwischen zehn Jahren und lebenslänglich ins Gefängnis.
Jennrich wird in das berüchtigte Pekinger Untersuchungsgefängnis I gebracht, in dem er innerhalb von vier Monaten auf 62 Kilo Körpergewicht abmagert. Nils ist 1,89 Meter groß. Am 3. August 2012 darf er, wahrscheinlich auf Druck der deutschen Regierung, das Gefängnis verlassen. Peking nicht!
Inzwischen, so die Mutter von Nils, hat der Zoll ihrem Sohn mitgeteilt, dass es sich nur noch um zwei nicht richtig verzollte Gemälde handeln soll. Der Wert: 1.095 Dollar! Für den Zoll war die Sache damit erledigt. Nun liegt der Fall bei der Staatsanwaltschaft, die entscheiden muss, ob eine Anklage erhoben werden soll oder nicht. Diese spricht jetzt aber auf einmal von 18 Millionen und die Anwälte von Nils dürfen nicht einmal die Unterlagen einsehen. Zeit, sich für oder gegen eine Anklage zu entscheiden, haben die chinesischen Behörden genug: Innerhalb von neuneinhalb Monaten muss der Staatsanwalt sich äußern.
Warum ausgerechnet Nils ins Visier der Behörden gelangt ist, ist bis heute unklar. Der 32-Jährige war in der Spedition für die Lagerung der Gemälde zuständig, die zuvor vom chinesischen Zoll geprüft und freigegeben worden sind. Die Familie vermutet, dass Nils als Druckmittel in einer groß angelegten Kampagne gegen Steuerhinterziehung benutzt wird. Und welches Land eignet sich da nicht besser als Deutschland
Ich selbst kenne Nils überhaupt gar nicht. Aber, als ich Nils und seine Geschichte gelesen habe, habe ich mir die Frage gestellt, wie es wohl sein muss, in einem fremden Land einfach für vier Monate in ein „Loch“ gesteckt zu werden, ohne konkrete Angabe von Gründen und am Ende wohl wegen 1.095 Dollar? In welcher Welt leben wir eigentlich? Deshalb rufe ich bis nach China: „Lasst Nils endlich nach Hause!“
Weitere Infos zu Nils findet ihr auf der Facebook-Seite Free Nils Jennrich.
UPDATE: Nils ist inzwischen wieder in Deutschland!
Text: Jörg Baldin / Fotos: Privat


