Nur fliegen ist schöner – das dachten sich auch die Waliser. Im Norden von Wales wird Abenteuerlustigen ein Adrenalinschub der Extraklasse geboten: Surfen im weltweit größten künstlich angelegten See „Surf Snowdonia“, Kopfsprünge von steilen Klippen entlang der Nordwestküste Angleseys oder rasante Fahrten mit der schnellsten Zipline der Welt. Hier reiben sich Nervenkitzelsuchende freudig die Hände. Wir haben Autorin Mi Hae in den Selbstversuch nach Großbritannien geschickt.

Traumhafte Aussicht entlang des Snowdonia Nationalparks. (Fotos: Mi Hae Lee)

Mein Herz pumpt, das Adrenalin fließt in Strömen. Die nächsten Tage versprechen Action pur und das bezwingen eigener Grenzen. Die idyllische Landschaft in der nördlichen Region von Wales übt eine beruhigende, fast schon mystische Wirkung aus und lässt den Actionauftrag für einen Augenblick in weite Ferne rücken. Zahlreiche Burgen und Schlösser vermitteln ein uriges Gefühl und die friedlich auf der Landschaft grasenen Schafe runden die Bilderbuchkulisse ab. „Wales hat rund drei Millionen Einwohner und mehr als das dreifache an Schafen“, weiß Guide Noel Clawson zu berichten. „Es ist das Land der Schafe und Burgen“, schmunzelt er.

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Mit dem passenden Surfboard stürze ich mich gleich in die Fluten.

Eine Surfanlage ohne Chlor

Meine erste Action-Station führt mich nach „Surf-Snowdonia“, einer zwölf Millionen Pfund teuren Anlage. Eine Pipeline aus den umliegenden Nationalparks Snowdonias füllt die Anlage mit Regenwasser.

Dieser künstlich angelegte Süßwasserpool im Conwy Tal am Dolgarrog eröffnete August 2015 seine Pforten und zielt mit der Größe von etwa sechs Fußballfeldern nicht nur auf Profisurfer ab. „Hier sind die längsten künstlich erzeugten Wellen der Erde. Ob Anfänger, Fortgeschrittene oder Profis – es gibt drei verschiedene Surfabschnitte und reichlich Platz“, schmunzelt Surflehrer Inigo. Die Wellen werden im 90 Sekunden Takt durch die Wavegarden-Technologie ausgelöst. Diese Wellenmaschine in der Mitte der Anlage ähnelt vom Aufbau einer Schnellflugmaschine, worauf auch der Name „Snowdonia“ abzielt. Jetzt wird es ernst. Nach den ersten Trockenübungen mit Surflehrer Tim trage ich als blutiger Anfänger mein erstes Surfbrett in Richtung See. Ebenso Premiere: Ich trage meinen ersten Neoprenanzug. Doch damit sollte ich auf der Reise nicht das letzte mal in Kontakt geraten sein.

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Alle 90 Sekunden baut sich in Surf-Snowdonia eine Welle auf.

Bevor ich mich versehe, paddel ich auch schon hinaus in die Brandung. 90 Sekunden habe ich Zeit mich in die richtige Position zu begeben, dann rauscht auch schon unbarmherzig die erste Welle an. Bäuchlings auf dem Surfbrett versuche ich mich hektisch an die Worte des Surflehrers zu erinnern.

Das Geheimnis liegt im Paddeln

Wie war das gleich? Den Blick stets geradeaus gerichtet, Kinn hoch, Bauch aufs Surfbrett pressen und paddeln, paddeln, paddeln. Mit der Welle noch genau zwei, drei kräftige Paddelbewegungen ausführen, die Arme aufstemmen und ab aufs Brett. Nur gestaltet sich das Aufstehen auf einem wackligen Untergrund als ein feucht-fröhliches Unterfangen. Nach rund 30 Minuten, einigen Unterwasser-Abtauch Manövern, konnte ich zumindest auch Erfolgserlebnisse verbuchen. Erste Surfeinheit: Check! Doch es bleibt kaum Zeit um Luft zu holen. Raus aus dem Neoprenanzug und rein zum nächsten Nervenkitzel!

Europas längste Zipline in Wales- die Zip Line Titan

„Safety first“ mit knallrotem Ganzkörperanzug

Wie wäre ein Flug, quer über die walisische Landschaft, nur an einem Seil befestigt? Diese Vogelperspektive versprechende Attraktion nennt sich „Zip World“ im Herzen von Snowdonia. Doch bevor es in schwindelerregende Höhe geht gilt „Safety first!“ Dazu zwänge ich mich in einen knallroten Ganzkörperanzug und werde auf eine Körperwaage gestellt.

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Bevor ich hinab ins Tal rausche, genieße ich die atemberaubende Aussicht.

Ist man zu schwer, wird zusätzlich ein kleiner Fallschirm mitgegeben, der der rasanten Fahrt das Tempo nehmen soll. Mit Schutzbrille und Helm bewaffnet, fährt mich ein Bus zur ersten Ziplinestation. Diese Startplattform auf einem Berggipfel enthüllt einem sagenhaften Blick auf den umliegenden Snowdonia Nationalpark. Die „Zip Line Titan“ ist nicht nur die längste Seilrutsche Europas. Gleich vier Mitstreiter können eingeseilt und zeitgleich den Abgrund hinunterrasen. Bislang einzigartig in Europa. Nun hänge ich hier am Stahlseil, bereit für meine erste Ziplineerfahrung. Auf ein Kommando wird die Stahlvorrichtung aufgezogen und ich stoß mich mutig vom Gerüst und fliege mit bis zu 120 km/h Richtung Tal.

Ein Gefühl wie Superman

Nach insgesamt drei Zipline Stationen auf 1.750 Meter könnte man nun überlegen auf die „Zip World Velocity“ upzugraden. Hier hängt man mit dem Kopf voran und erreicht so ein Tempo bis zu 190 km/h. Es ist die schnellsten Zipline der Welt, ein wahrer Nerventhrill.

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Bei der ersten Einführung lernt man mit seinem Equipment umzugehen- in der Zipworld Caverns ist man auf sich allein gestellt.

Wem die Outdoorvariante zu luftig ist, der darf sich gerne in die Variante „Zipworld Caverns“ begeben. Diese ist die weltweit einzige komplett  unterirdisch verlaufende Zipline der Welt! Hier beginnt eine spannende Reise unter der Erde, durch ein altes Bergwerk, wackligen Hängebrücken, engen Tunneln und Seilrutschen. Wer denkt, diese Variante wäre harmloser: Pustekuchen!

Ein Bergwerk in Wales als Nervenkitzel

Besonderes Highlight: die sogenannte „Burma Bridge“, ein wackliges, dünnes Seilgehänge über einer tiefen Schlucht. Ein Gefühl wie „Indiana Jones“. Das entlanghangeln an dem glatten Mauerwerk in schwindelerregender Höhe ist nichts für schwache Nerven. Beim Blick in die Tiefe flattert mein Herz. Auch muss man sich während der unterirdischen Tour selbst sichern, was aber vorab in einem Crashkurs genaustens gelehrt. Links einhaken, rechts einhaken, dies und jenes sichern und dann – Abflug! Nach dieser schweißtreibenden Tour über mehreren Hängebrücken, steilen Felsen und Seilbahnen muss ich sagen: Besser als jeder Freizeitpark!

Entspannung findet man beim unterirdischen „Bounce Below“. In dieser 176 Jahre alten stillgelegten Höhle finden sich riesige Trampoline auf mehreren Ebenen, aufgespannt in gewaltigen Höhen. Genau die richtige Art um Höhenangst zu therapieren, denn durch die Netze blickt man meterweit in den luftigen Abgrund. Eben da, wo man zuvor bei „Zipworld Caverns“ entlanggeklettert ist. Durch Springen und Krabbeln gelangt man in die verschiedenen netzartigen Konstruktionen. Ein surreales Gefühl. Für einen Moment fühlt man sich frei und schwerelos.

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Schwimmend zur nächsten Klippe- nach dem Sprung ist vor dem Sprung

Ich verlasse diese luftigen Höhen und wage mich an das Thema „Coasteering“. „Diese Sportart wurde in der Region von Pembrokeshire erfunden und ist eine Kombination bestehend aus Klettern, Schwimmen und dem Klippenspringen“, weiß Coasteering Guide Jordon Ron Smith (25) zu erzählen. „Übersetzt hieße das wohl soviel wie Klippenquerklettern.“ Also wieder hinauf in luftige Höhe? Zeit über seine Worte nachzudenken bleibt mir nicht. Im rasanten Tempo geht’s rein in den Neoprenanzug und mit Schwimmweste und Schutzhelm bewaffnet, führen die ersten Schritte entlang der Nordwestküste Angleseys. Es enthüllt sich wahrlich ein sagenhafter Blick auf das Meer mit ihren zerklüfteten Klippen und Felsvorsprüngen.

Ein falscher Griff und man stürzt in die Tiefe

Um dahin zu gelangen, gibt es jedoch nur einen Weg: Schwimmen! Also rein ins kalte Nass und den ersten Felsvorsprung erklimmen – ohne jegliche Hilfsmittel. „Versuch einen guten Halt für die Füße zu finden und denk an eine stabile Armhaltung,“ gibt mir Smith noch als Rat mit, bevor er vorauseilt. So robbe und klettere ich nun auf die ersten Felsen, schiebe mich seitlich über zerklüftete, schmale Klippen und habe zugegebenermaßen ein wenig Angst meinen Halt zu verlieren.

Oben angekommen empfängt mich Klippenguide Smith auf einem winzigen Felsenvorsprung: „Wenn du springst, kreuz die Arme über die Brust und versuch dahin zu springen, wohin ich deute. Ansonsten springst du geradewegs in Klippen.“ Es gibt kein zurück. Tief Luft holen, Augen zu und durch. Ich wage den ersten steilen Sprung ins kühle Nass. Schwimmend geht’s dem nächsten Felsvorsprung entgegen. Die folgenden Steilklippen sind höher und schwieriger zu erklimmen. Die Suche nach einem Halt wird immer beschwerlicher und zwei bis fünf Meter unter mir tost die Brandung. Wahrlich eine Herausforderungen, doch konnte ich auch diese Mission als wertvolle Erfahrung verbuchen.

 

Spannend waren die Tage in Nordwales. Wie sagt man doch gleich? Nur Fliegen ist schöner. Diese Erlebnisse kann ich allen abenteuerlustigen wärmstens empfehlen!

Noch eine letzte Info am Rande: Wusstet ihr, dass Wales den längsten Ortnamen Europas besitzt? Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch – der Name ist walisisch und bedeutet übersetzt: „Marienkirche in einer Mulde weißer Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und der Thysiliokirche bei der roten Höhle“

In diesem Sinne, wir sehen uns in Wales!

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Der längste Ortsname Europas: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch

 

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Hinweis: Die Autorin wurde von Visit Wales zu dieser Reise eingeladen.