Es gibt Stadtnamen, da kommt man automatisch auf eine Assoziation: Liebe – Paris, Rio – Karneval, New York – Wallstreet, Venedig – Romantik… nun ja da gibt es sicherlich noch einige. Und wie ist es mit dem kolumbianischen Medellín?

Kartell und Drogen sind da sicherlich zwei Begriffe, die den meisten Menschen dabei einfallen. Gut eine Flugstunde von Bogota entfernt liegt die Stadt des ewigen Frühlings, wie Kolumbianer die Metropole nennen. Zwischen 1.600 und 1.800 Metern Höhe zieht sich die Stadt im Tal des „Medellín Rivers“ umgeben von Bergen hin. Ein beeindruckender Anblick, wenn man vom neuen Flughafen über die Berge kommend in die Stadt einfährt. Ein gigantisches Lichtermeer. So hat man das nicht erwartet. Vorbei an edlen Wohnanlagen, Shoppingcentern geht es ins moderne Zentrum. Gerade am Wochenende bemerkt man in einigen Vierteln dabei das pulsierende Nachtleben. Zahlreiche Discotheken und Klubs, Restaurants und Bars ziehen Gäste an.

Medellin bei Nacht

In den 80er Jahren noch „Mordhauptstadt der Welt“

War Medellín in den 80er Jahren mit 381 Toten auf 100.000 Einwohner als „Mordhauptstadt der Welt“ und als Hauptstadt des Drogenhandels bekannt, so ist die Stadt inzwischen eines der sichersten Reiseziele Kolumbiens. Von der Warnung von den üblichen und wohl in jeder Großstadt vorhandenen Taschendieben gerade im belebten Zentrum mal abgesehen. Doch vor allem das Zentrum Medellín bietet wohl eine der größten (und das ist nicht nur der Anzahl der Exponate geschuldet) Skulpturenausstellungen der Welt. Es ist die Geburtsstadt des Malers und Bildhauers Fernando Botero. An der „Plazoleta des Esculturas“ stehen 23 seiner überdimensionalen Skulpturen, was dem Platz auch den Namen „Plaza Botero“ eingebracht hat. Doch auch an anderen Orten der Stadt findet man Arbeiten des Künstlers.

Medellin_Botero

Im Zentrum Medellins stehen Skulpturen die Fernando Botero geschaffen hat. Er ist in der in der Stadt geboren.

Gut zu erreichen ist das Zentrum übrigens mit der modernen Metro, die sich über mehr als 20 Kilometer durchs Tal zieht und die einzige ihrer Art in ganz Kolumbien ist. Diese und noch einige andere in den vergangen Jahren durchgeführten Erneuerungen in der Stadt (neue Bibliothek, neues Verkehrskonzept etc.) brachten Medellín den vom „Wall Street Journal“ vergebenen Titel der „innovativsten Stadt der Welt“ ein. Nun gut, wenn man vom Niveau „Null“ kommt, ist dies sicherlich eine relativierbare Auszeichnung. Es beschreibt aber die Wandlung, die die Stadt seit dem Tod von Drogenboss Pablo Escobar durchläuft. Er starb 1993 im Kugelhagel der Polizei.

30 Millionen Lampen zur Weihnachtszeit

Medellin_River_Beleuchtung

Fast zwei Kilometer zieht sich die Beleuchtung des Medellin Rivers durch die Stadt.

Einen eher gemächlichen Ausblick auf die 2,5 Millionen Einwohner zählende Stadt hat man bei einer Fahrt mit der Seilbahn, die von der Metro abzweigt. Sie wurde zum einen angelegt, um die Armenviertel besser mit dem Zentrum zu verbinden und man erreicht so den über der Stadt gelegenen Park Arvi. Ein ausgedehntes Naturschutzgebiet mit Seen und Wanderwegen, einem Hotel und einem sehenswerten Schmetterlingshaus. Ein schöner Kontrast zur Großstadt. Diese ist besonders in der Weihnachtszeit ein Anziehungspunkt für Gäste aus dem ganzen Land. Wer schon immer einmal wissen wollte wie Weihnachtsbeleuchtung richtig geht, sollte Medellín im Dezember besuchen. Über fast zwei Kilometer ist der Fluss mit Lichterketten und verschiedenen Lichtobjekten überspannt und dekoriert. Mehr als 800 Kilometer Lichtschläuche mit rund 30 Millionen Lampen werden dafür Jahr für Jahr ausgerollt. Abends ein beeindruckender Anblick, um danach noch einen Drink zu nehmen und am nächsten Tag eine Tour ins Umland zu starten.

Medellin_Zapata

Bei Luis Eduardo Zapata kann man seinen eigenen Kaffeestrauch pflanzen.

Zum Beispiel ins gut 100 Kilometer entfernte Jardin. Wobei 100 Kilometer in dieser Region gut drei Stunden Autofahrt bedeuten. Keine besonders gute Straße und die Berglandschaft sorgen für diese Fahrzeit. Es geht hinein in eine Gegend, die Kolumbiens Wirtschaft bestimmt. „Wir sind ein Land nur wegen des Kaffees“, erzählt Luis Eduardo Zapata. Der alte Herr betreibt in den Bergen unweit der Hauptstraße ein kleines Hotel und pflanzt Kaffee an. Seit mehr als 200 Jahren macht seine Familie das. Sehr traditionell, alles in Handarbeit. Wer möchte kann bei ihm seinen eigenen Kaffeestrauch setzen und in gut drei Jahren wiederkommen, um die ersten eigenen Bohnen zu ernten. Bis dahin zelebriert der alte Herr die Zubereitung des Getränkes, und man muss schon schmunzeln, wie er sich für Touristen ein wenig klischeehaft aber liebenswürdig kleidet. Bei ihm fehlt dann auch nicht der Aquardiente, ein mit Ouzo oder Pernod vergleichbares Getränk.

Lateinamerika wie aus dem Bilderbuch

In Jardin angekommen steht bei vielen Gästen in einer der vielen Bars rings um den Marktplatz eine Flasche des Getränks auf dem Tisch. Ein liebenswürdiger Ort, der fast wie eine Filmkulisse wirkt. Wären da
nicht die erwähnten vielen Bars aus denen laute Musik hallt. Dutzende Menschen sind dort versammelt, von denen einige einfach mit ihrem Pferd zum bestellen reiten. Auf dem Platz bieten Händler das Obst der Region zum Verkauf an und allerlei Garküchen laden zum probieren ein. Farbenfroh reihen sich die Häuser um den Platz. Lateinamerika wie aus dem Bilderbuch.

Medellin_Jardin

Die Kleinstadt Jardin bietet lateinamerikanisches Flair wie aus dem Bilderbuch.

Erst weit nach Mitternacht zieht ein wenig Ruhe in Jardin ein. Ein Bier kostet etwa einen Euro, der Kaffee auf dem Markt 40 Cent. Überall in der Gegend sieht man die Kaffeesträucher, oft an steilen Hängen, wo man sich kaum vorstellen kann, wie dort jemals geerntet werden soll. Eine Kooperative kümmert sich um die Vermarktung der Ernte. So kommen auch die Bohnen für „Nespresso“ aus dieser Gegend. Nun weiß man, dass ein Kilo „Nespresso“ etwa 80 Euro kostet, wenn man es mit der Menge vergleicht, die ein Kilo Bohnen ergibt. 2,50 bis 3 Euro bekommen die Bauern für ein Kilo.

Beeindruckend: „Cueva del Esplendor“

Medellin_Esplandor

Ein Ausflug in die Berge und zur Höhle Esplendor bietet einen Abenteuertrip.

Unweit von Jardin erstreckt sich dann eine ungestüme Berglandschaft. Von dort hat man einen guten Ausblick auf Jardin und kann mit dem Pferd oder Muli zur „Cueva del Esplendor“ gelangen. Mitten im Bergwald gelegen, kommt man auf einem Wanderweg zu einer Höhle, in deren Mitte ein Fluss die Decke durchstoßen hat und nun als Wasserfall ins innere der Höhle stürzt. Ein beeindruckender Anblick und lautes Spektakel. Allerdings ist die Tour zur „Cueva del Esplendor“ nicht ganz einfach. Die Wanderwege sind kaum ausgebaut, überhaupt ist die touristische Infrastruktur dort kaum vorhanden. Außerdem kann gerade auf dem Land fast niemand Englisch sprechen. Spanischkenntnisse oder zumindest ein gutes Übersetzungsprogramm auf dem Smartphone sind also hilfreich. Kein Wunder, dass der Tourismus da noch sehr in den Kinderschuhen steckt. Potential hat die Region um Medellín allemal.

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Hinweis: Der Autor wurde von Proexport Colombia zu dieser Reise eingeladen.